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Ommagio a Rossini

Ein »Jahresregent« aus Italien ist zu feiern. Gioachino Rossini (1792 – 1868) ist am 13. November vor 150 Jahren in Paris gestorben. Der »Schwan von Pesaro«, der Meister des »Barbier von Sevilla«, der früh verstummte Opernkönig der Belcanto-Ära. Rossinis sprichwörtliches Brio, die unwiderstehliche Rasanz seiner sinnlich schäumenden Musik, die oft ungeniert freche und mitunter wohlig lyrische Melodik, der alles bezwingende Rhythmus seiner Buffo-Opern sorgte ab etwa 1815 für ein europäisches »Rossini-Fieber«, das man durchaus mit der »Beatlemania« im 20. Jahrhundert vergleichen kann. Darüber darf man nicht vergessen, dass er zum Beispiel mit seinem Schwanengesang auf der Bühne, der großen französischen Oper über die Schweizer Sage von »Wilhelm Tell«, auch im »ernsten« Genre Wesentliches zur Entwicklung des Musiktheaters beigetragen hat. Ebenso sollte man nicht vergessen, dass dieser angeblich so lustvolle Genießer und Schöpfer nicht bloß feiner Musik, sondern auch feiner Speisen seine psychischen Abgründe hatte. Im Grunde war Rossini ein genial begabter, aber häufig von schweren Depressionen und schmerzhaften Krankheiten geplagter Mensch, der sich immer wieder gleichsam selbst aus dem Dunkel erhob, sich selbst therapierte – sei es durch den Rauschzustand besessenen Komponierens, sei es durch die hohe Kunst des Spaghettikochens, bevorzugt mit Trüffeln. Erst im Alter, in der Pariser Villa, geliebt und gepflegt von einem aus der Halbwelt stammenden weiblichen Engel namens Olympe, wurde der wohlbeleibte Herr mit seinem scharfen Witz und seiner treffsicheren Beobachtungsgabe zur lebenden Legende. Der sogar sein Widerpart Richard Wagner ehrlichen Respekt zollen musste.

Und er war als Musiker gar nicht verstummt. Früh hatte er begonnen zu komponieren, und nicht für die Bühne. Sechs erstaunliche Streichersonaten schrieb Gioachino Rossini als 12-jähriger Musikschüler für einen wohlhabenden Freund seiner Familie, der zwar Kaufmann war, jedoch mit Gusto Kontrabass spielte. Später notierte der mit Selbstironie gesegnete Rossini auf der Partitur, er habe die Stücke in »drei Tagen« komponiert, ohne dass er auch »nur eine einzige Stunde Generalbass gehabt hätte«. Außerdem seien die Sonaten im Familienkreis des Kaufmanns »auf hundserbärmliche Weise« gespielt worden. In Wahrheit waren ihm kleine Kostbarkeiten gelungen, formal der Wiener Klassik und vor allem Mozart folgend, sprühend vor jugendlicher Frische und wachem Geist, immer wieder mit einer Sonderrolle für den Bass versehen. Hier soll nichts verraten werden, aber es wäre schön, einer dieser Sonaten in den Zugabenteilen der diesjährigen CLASSIX-Konzerte zu begegnen.

Nach dem Abschied von der Oper, also nach der Pariser »Tell«-Premiere 1829, hörte er nicht auf, Musik zu erfinden. Kantaten, Hymnen, Chöre, Lieder für seine berühmten, in jeder Beziehung kulinarischen Salonabende schrieb er weiterhin – und zwei echte Meisterwerke der geistlichen Musik, ein betörend schönes »Stabat Mater«, und, sein Abschied von größeren Formaten, noch 1863 die berührende »Petite Messe solennelle«, die alles andere als »petite« ist und »klein« nur in der Kammerbesetzung der ersten Version. Und die »Péchés de vieillesse«, die köstlichen und kostbaren »Sünden des Alters«, nicht weniger als rund hundertfünfzig mehr oder weniger kurze Miniaturen für Gesang und insbesondere für Klavier. Letztere tragen Titel wie »Radieschen«, »Ungefährliches Präludium«, »Gefolterter Walzer« oder »Asthmatische Etüde«. Damit schlug der alte Maestro listig ein neues Buch der Musik auf, in welchem sich etliche Jahrzehnte danach ein gewisser Erik Satie breit machen wird. Ein fantastischer Künstler war dieser Rossini, immer wieder für Überraschungen gut – und wir lassen uns überraschen von den Hommagen an ihn, die am Ende der Konzerte stehen werden.

Gottfried Franz Kasparek

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