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Ermanno Wolf-Ferrari: Kammersymphonie in B-Dur op. 8

Konzert V – Sonntag, 30.09.2018, 17:00 Uhr, Theater in Kempten
Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948): Kammersymphonie B-Dur op. 8 für Bläserquintett, Streichquintett und Klavier

Ermanno Wolf-Ferrari 1906 (Foto: Wikipedia gemeinfrei)Ermanno Wolf-Ferrari, in Venedig geborener Sohn eines deutschen Malers und einer Italienerin, war neben dem ein Jahrzehnt älteren, so ganz anderen, schwerblütigeren Ferruccio Busoni der Prototyp des »Deutschitalieners«. Er komponierte seine Opern in der Sprache der Mutter und schrieb seine Briefe mehrheitlich in der des Vaters. Er lebte lange Zeit in München und war als Tondichter völlig aus der Zeit gefallen. Dem Verismo zollte er nur selten, zum Beispiel mit dem Künstlerdrama »Sly«, seinen Tribut. Im Zentrum seines Schaffens standen Buffoopern, die in ebenso kunstfertigem wie mediterran gefärbtem Tonfall die Tradition Rossinis und Donizettis fortführen, ohne dabei Verdis »Falstaff« aus den Augen zu verlieren. Sie sind unverkennbar in ihrem persönlichen Stil, erfüllt vom betörenden Zauber der großen Melodie, verbunden mit prächtiger Komik und luziden Klangfarben. Sie existieren alle auch in autorisierten deutschen Fassungen. »I quattro rusteghi« / »Die vier Grobiane«, »Le donne curiose« / »Die neugierigen Frauen«, »Il Campiello« und die lustvolle Hymne auf den Tabakgenuss, »Il segreto di Susanna« / »Susannens Geheimnis«, tauchen auch heute noch immer wieder auf Spielplänen auf und werden vom Publikum geliebt. Doch daneben wären gehaltvolle geistliche Werke, lyrische Kammermusik und atmosphärische Orchesterstücke zu entdecken.

Wolf-Ferrari studierte zunächst Malerei in Rom, wechselte aber bald nach München als Schüler des großen Kompositionslehrers Joseph Rheinberger. Zwar leitete er, nach einem Intermezzo als Leiter eines deutschen Chors in Mailand, von 1903 bis 1909 das Liceo Musicale in Venedig, doch blieb München bis 1943 sein ständiger Wohnsitz. An den Opernhäusern im deutschsprachigen Raum feierte er seine größten, in die Welt ausstrahlenden Erfolge. Er wurde 1939 als Kompositionsprofessor an das Mozarteum in Salzburg berufen, war jedoch kein Nazi-Sympathisant, sondern ein politisch naiver Künstler, der sich in einen elfenbeinernen Turm zurückzog. Schon im Ersten Weltkrieg hatte er unter der Verfeindung der Nationen, denen er entstammte, gelitten und sich als »in politicis eine Null« bezeichnet. Mitten im Grauen des Zweiten Weltkriegs schrieb er eines der schönsten romantischen Violinkonzerte, inspiriert von der tiefen Zuneigung eines alten Herrn zu einer jungen Frau. Die blutjunge Geigerin Guila Bustabo, in Deutschland gebliebene Amerikanerin mit italienischem Vater und tschechischer Mutter, war die letzte große Liebe des 67-jährigen Komponisten. Nach der Bombardierung seiner Münchener Villa und der Zerstörung seiner geliebten Theater fand er Zuflucht im steirischen Alt-Aussee, später in der Schweiz. Im Frühjahr 1947 übersiedelte er in die Heimatstadt Venedig, wo er im Jänner des folgenden Jahres starb und auf der Friedhofsinsel San Michele seine letzte Ruhe fand.

Kammersymphonie (Sinfonia da camera) in B-Dur op. 8 (1901/03)

Der Typus der »Kammersymphonie« lag um 1900 in der Luft. Wolf-Ferrari konzipierte seine klein besetzte Sinfonia in der aus dem italienischen Barock stammenden »Da camera«-Tradition allerdings rund fünf Jahre, bevor Arnold Schönberg mit der Arbeit an seiner stilbildenden Kammersymphonie op. 9 begann. Er wollte auch nicht zu neuen Klangwelten vordringen, sondern bloß die alten neu erfüllen. Besetzt ist das Stück mit Klavier, einem Bläser- und einem Streichquintett mit Kontrabass, also in ganz klassischer Weise. Die offenbar schon 1901 entstandene Komposition wurde erst 1903 gedruckt. Die Uraufführung spielte vermutlich in diesen Jahren die »Münchener Kammermusikvereinigung«, der sie gewidmet wurde. Eine denkwürdige Aufführung in Wien fand übrigens zu Beginn eines Konzerts mit dem Rosé-Quartett und Bläsern der Hofoper, also einem hochkarätigen, aus Wiener Philharmonikern bestehenden Ensemble, am 8. Februar 1907 im Musikverein statt. Am Ende dieses zu den berühmt gewordenen »Skandalkonzerten« der »Zweiten Wiener Schule« zählenden Abends erklang Schönbergs op. 9 erstmals öffentlich und führte zu höchst kontroversen Reaktionen. Was zeigt, dass Wolf-Ferraris damals »neue« Musik gerne nachgespielt wurde und dass die Pioniere der Avantgarde im Vergleich zu ihren späteren Aposteln gar nicht so eng programmierten. In der Mitte des Konzerts stand noch dazu ein Bläserquintett des erzkonservativen Franzosen Vincent d’Indy – welch eine europäische und stilistische Vielfalt!

Wolf-Ferraris Kammersymphonie beginnt mit wellenartigen Klavier-Akkorden, aus denen sich eine belcanteske Klarinettenmelodie erhebt, bevor sich figurative Streicher hinzugesellen und ein schwelgerisches Wechselspiel der Instrumente einsetzt. Der ganze erste Satz, Allegro moderato, erfreut mit kreativer Brahms-Nachfolge und verblüfft mit eingewobenen Zitaten aus Franz Liszts h-Moll-Sonate. Als »venezianisches Klanggemälde« bezeichnet der Pianist Horst Göbel in einem Booklet-Text das abwechslungsreiche Adagio, welches wiederum das Klavier beginnt, diesmal ein dunkel schattiertes Fagottsolo provozierend. Düstere Stimmungen finden in diesem zweiten Satz genau so Platz wie emphatische Aufschwünge und träumerische Melodik. Im dritten Satz, Vivace con spirito, stimmt nach einem virtuosen Duett von Klavier und Bläsern die Flöte einen elegant-melancholischen Walzer an, der tatsächlich nicht nur Göbel an die 13 Jahre später entstandene »Bürger als Edelmann«-Musik des Richard Strauss erinnert. Das Finale, Adagio-Allegro moderato, verknüpft Motive der drei vorangegangenen Sätze. Immer wieder geschieht Unvermutetes, immer wieder lugt der Musikdramatiker Wolf-Ferrari ums Eck, wenn das Horn sonore Phrasen einstreut, quirliges Fugato zu Violin-Virtuosität führt und in der Coda eine wagemutige Collage verschiedener Stimmen entsteht. Der hymnische Schluss preist südliche Lebensfreude.

Gottfried Franz Kasparek

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