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Gian Francesco Malipiero: Ricercari für 11 Instrumente

Konzert II – Donnerstag, 27.09.2018, 20:00 Uhr, Theater in Kempten
Ricercari für 11 Instrumente (1925) für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, vier Violen, Violoncello und Kontrabass

Gian Francesco Malipiero (Wikipedia it Pubblico dominio)Schon Francesco Malipiero, der Großvater Gian Francescos, war Opernkomponist, Vater Luigi Pianist und Dirigent. Der wohlhabende junge Mann aus venezianischem Adel sah sich als Student in Europa um, war in Wien um 1904 Schüler von Robert Fuchs, später in Bologna von Marco Enrico Bossi und 1908 in Berlin von Max Bruch. Doch bei keinem dieser geachteten Lehrer blieb er längere Zeit. Gerne hielt er sich in Paris auf, wo er sich mit seinem Landsmann Alfredo Casella befreundete und unter anderem mit Strawinsky verkehrte. Als Herausgeber Alter Musik, so der Monteverdi-Gesamtausgabe, die er selbst finanzierte, erlangte er ebenso Bedeutung wie als Initiator zeitgenössischer Musikorganisationen und als Kompositionslehrer in Parma und vor allem in Venedig, wo er von 1939 bis 1952 das Liceo musicale leitete. Wie die meisten Komponisten dieser Zeit in Italien war er relativ konform mit der Kulturästhetik des Faschismus, die man allerdings nicht mit der der Nazis und Sowjets gleichsetzen kann. Zum Beispiel durfte die Musik Alban Bergs öffentlich gespielt werden. Zu Malipieros Schülern zählten Größen der Avantgarde wie Luigi Nono und Bruno Maderna. Der ungemein fruchtbare, bis ins hohe Alter aktive Komponist war in allen Genres vom Musiktheater bis zur Kammermusik tätig und wurde bis in die 1970er-Jahre auch international beachtet. Aber als typischer Vertreter der »Generazione ottanta«, der um 1880 geborenen Komponisten Italiens, geriet er in die Zwickmühle zwischen Puccini, Verismo und Moderne und ist heute ein seltener Gast in Theatern und Konzertsälen. 17 Symphonien und sechs Klavierkonzerte wären ebenso neu zu entdecken wie eine beeindruckende Reihe von mehr als zwanzig Opern und vieles mehr. Wie etliche seiner Generationskollegen, zum Beispiel Respighi, Casella und Wolf-Ferrari, hatte er mit der Zweiten Wiener Schule und der Auflösung der Tonalität nichts am Hut und versuchte, Neues aus der Tradition zu schöpfen. Malipiero, ein hochgebildeter und hochbegabter musikalischer Lyriker, liebte das Archaische und lehnte jegliche subjektive, romantische Expressivität ab. Er suchte und fand sein Heil im Klassizismus. Seine Stücke ruhen oft im Geist der Renaissance, sind diatonisch geformt, verblüffen mitunter mit sperriger Chromatik und sind immer nach innen gerichtet. Bei aller herben Strenge und ausgefeilten Kontrapunktik hat Malipieros Musik jedoch ein eigenwillig verinnerlichtes Leuchten, das in manchen Momenten berühren kann.

Ricercari für 11 Instrumente (1925)

All dies findet sich in den kunstvoll gedrechselten Ricercari für 11 Instrumente wieder. Die frühe, aus der Motette entwickelte Form der Fuge dient als Grundlage für fein abgestimmte Klangspiele in fünf Sätzen. Hinter dieser rhythmisch und melodisch pointierten Reise von »Allegro, mercato i ritmo« über ein meist bewegtes Andante, das ein wenig raue »Allegro, un poco rude« und ein getragenes Lento zum lebhaften Final-Allegro steckt allerdings nicht nur Renaissance-Musik, sondern auch Literatur des 17. Jahrhunderts. Francesco Redi (1626 – 1697) war als Arzt ein Pionier der Parasitenforschung, doch Philosoph und Poet dazu. Seiner toskanischen Heimat widmete er wortspielerische Gesänge voll Blumenlust und Vogelrufen. Entsprechende Verse aus Redis »Bacchus in der Toskana« schrieb Malipiero in die Partitur, die keine Violinen, dafür gleich vier Violen kennt – eine Huldigung an die Blütezeit der Gamben.

Gottfried Franz Kasparek

 

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