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Luciano Berio: Aus den »Duetti« für zwei Violinen

Konzert III – Freitag, 28.09.2018, 20:00 Uhr, Theater in Kempten
Luciano Berio (1925-2003): Aus den ›Duetti‹ (1979-1983) für zwei Violinen

Luciano Berio (Foto: Wikipedia gemeinfrei)Luciano Berio stammte aus einer ligurischen Musikerfamilie, studierte in Mailand und in Tanglewood bei Luigi Dallapiccola, arbeitete seit den 1950er-Jahren mit Bruno Maderna und Luigi Nono im Experimentalstudio der RAI zusammen, war ein Pädagoge von Weltrang und zweifellos einer der bedeutendsten italienischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine musikalische Sprache ist eine sehr differenzierte. Zwar verwendete er alle avantgardistischen Techniken, ausgehend von der Dodekaphonie, blieb jedoch in höchst eigentümlicher Weise der italienischen Tradition der Kantabilität und der Virtuosität treu. Selbst in seinen experimentellsten Stücken schimmert die »bellezza« durch, die Schönheit des Klangs. Neben seiner Bühnen-, Orchester- und Vokalmusik ist es besonders die Serie von Werken mit dem Titel »Sequenza«, die Luciano Berios Stellung als innovativer, abenteuerlustiger und dennoch im großen Fluss der Tradition stehender Musiker festigte. In fast einem halben Jahrhundert entstanden 14 Stücke, das letzte 2002, alle einem bestimmten Instrument gewidmet (inklusive der menschlichen Stimme). Dies ist eine hohe Schule des Musizierens und eine Herausforderung für die Interpreten, vergleichbar mit J. S. Bachs Solosonaten oder den »Capricci« des Niccolò Paganini. Ähnlich wie die Vorgänger hat Berio die klanglichen und virtuosen Möglichkeiten der Instrumente im Rahmen der Entwicklung seiner Zeit voll ausgereizt, wobei für ihn feststand: »Die einzige Virtuosität, die heute gilt, ist jene der Sensibilität und der Intelligenz«. Es ist kein Zufall, dass sein letztes großes Werk eine elegante und liebevolle Hommage an Puccini war, die Neufassung des »Turandot«-Finales – und dass bei seinem Begräbnis Volksmusik gespielt wurde, seinem Wunsch entsprechend. Schließlich sind seine kostbaren »Folk Songs« zu einem echten Repertoirestück auf dem Konzertpodium geworden.

Aus den ›Duetti‹ (1979-1983) für zwei Violinen

Virtuose Stücke für bestimmte Instrumente bestimmten Interpreten zu widmen oder dem Gedenken an bedeutende Vorgänger und Kollegen – diese Praxis gibt es seit Jahrhunderten. In neuerer Zeit darf man da zum Beispiel an Eugène Ysaÿes Violin-Solosonaten oder an György Kurtágs »Mikroludien« denken. Luciano Berio schrieb seine 34 »Duetti per due Violini« zwischen 1979 und 1983. Die Liste der Titel reicht von Béla Bartók, dessen Violinduette als Vorbild dienten, über den zeitweiligen Mitstreiter Bruno Maderna bis zum geschätzten Kollegen Alfred Schnittke, vom Maestro Lorin Maazel bis zum Verleger Alfred Schlee, wobei Berio immer nur den Vornamen als Titel angab. Wie einst in vielen Fällen J. S. Bach plante Berio zunächst bloß einen Zyklus für Unterrichtszwecke. »Einige [dieser Stücke]«, so schrieb er im Vorwort zur Druckausgabe, »sind für Anfänger geeignet, andere für fortgeschrittene Studenten und ihre Lehrer.« Wie auch immer, geworden ist daraus ein musikalisches Tagebuch. Und ein insgesamt über einstündiges, brillantes Kompendium moderner Violintechnik, welches dem »Sequenza«-Zyklus in nichts nachsteht. Man darf dabei durchaus auch Hörvergnügen empfinden, was in der Avantgarde ja nicht allzu häufig vorkommt.

Gottfried Franz Kasparek

 

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