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Salvatore Sciarrino: Cavatina e i gridi

Konzert V – Sonntag, 30.09.2018, 17:00 Uhr, Theater in Kempten
Salvatore Sciarrino (*1947): »Cavatina e i gridi« (2002) für Streichsextett

Salvatore Sciarrino (Foto Wikipedia, CC BY-SA 3.0)Salvatore Sciarrino, geboren in Palermo, gehört zu den bekanntesten Komponisten der Gegenwart. Schon im Alter von zwölf Jahren begann er, seine musikalischen Ideen aufs Papier zu bringen. Er ist stolz darauf, weitgehend Autodidakt zu sein und nie eines jener Konservatorien besucht zu haben, an denen er später lehrte. Sciarrino versuchte sich auch als Operndirektor in Bologna, doch im Mittelpunkt seiner Tätigkeit standen immer das nach neuen Ausdrucksformen forschende Komponieren und die Vermittlung von Musik. Er lebt nun in der wundersamen Kleinstadt Città di Castello in Umbrien und gibt regelmäßig Meisterklassen an der Accademia Musicale Chigiana in Siena, wo auch Virginia Guastella seine Schülerin war. Sciarrino ist international besonders erfolgreich mit seinen antinaturalistischen, eine bezwingende Mystik ausstrahlenden Opern, die oft Bezug nehmen auf historische Stoffe. So beschäftigte er sich zum Beispiel gleich zweimal mit der »Lohengrin«-Sage und kam dabei zu ganz anderen Ergebnissen als einst Richard Wagner. Das Musiktheater »Luci mie traditrici« (wörtlich »Meine trügerischen Augen«, aber offiziell mit »Die tödliche Blume« übersetzt) nach einem Drama des florentinischen Barockdichters Giacinto Andrea Cicognini ist seit der Schwetzinger Uraufführung 1998 geradezu zum Repertoirestück geworden. Doch neben mittlerweile 13 Opern liegt eine beeindruckende Reihe von Vokal- und Instrumentalmusik vor. Sciarrinos Stil ist von intensivem Einsatz der Obertöne, einer eigentümlich schwebenden, oft irisierenden, mitunter zauberhaften Klangphantasie, in sich kreisenden Wiederholungen und dem Mut zur beredten Stille bestimmt.

»Cavatina e i gridi« (2002) für Streichsextett

Das Streichsextett »Cavatina e i gridi« (Die Cavatina und die Schreie) ist dem Schlagzeuger, Komponisten und Performer Francesco Agnello gewidmet. Das Stück wurde 2002 in Schwetzingen begonnen und, so Sciarrino, »in der sizilianischen Landschaft von Piconello« vollendet. Der Komponist beschreibt sein Werk ohne jegliche analytischen Verweise. Nicht nur in seiner Musik, auch mit Worten ist Sciarrino ein Poet: »Sieh das Licht, vor und nach dem Sonnenuntergang, dem goldenen und horizontalen, der den Boden der Räume oder die einer müden Lampe im blinden Raum entdeckt. Wer sich an den saisonalen Wechsel von Aktivität und Ruhe gewöhnt hat, ist überrascht zu sehen, wie meine Tage unterschiedslos der Arbeit geopfert werden. ›Du denkst immer an Musik‹ sind Worte, die von einem unschuldigen Urenkel gesprochen werden, mit dem es lächerlich wäre, zu streiten. Da ich einen kurzen Urlaub verbringen wollte, komponierte ich nun in einer Überschneidung von Geselligkeit und Landschaft, in der plötzlichen gastfreundlichen Dunkelheit, im barocken Tuff oder im inneren Garten, inmitten von allen, die vorgaben, nicht woanders zu sein, in einer reservierten Ecke des Geistes, aus der ich die neu erworbenen Freunde grüße.« Zu Inhalt und Titel schreibt er: »Ich wollte Schritt für Schritt einen Gesangsstil ausarbeiten, der ohne alte und neue Banalitäten ausdrucksvoll ist. Mit ihm habe ich meine neuesten Vokalstücke gebaut und vor kurzem habe ich ihn auf die Instrumente angewendet. Ein Rezitativ ist der Ausgangspunkt unserer Reise. Die Cavatina von Beethoven, ein Unikat der Streicherliteratur, wird eine unvermeidliche Referenz sein – aber nur eine ideale. Hier ist die traumatische Kluft zwischen wirklich heterogenen, parallelen und intermittierenden Dimensionen: die Frustration an den Grenzen der nächtlichen Unwahrnehmbarkeit einerseits und die höfische Physiognomie des Instrumentalgesanges andererseits. Die Lyrik endet in einer tragischen, chorischen Spannung am Rande eines stillen Abgrunds. Niemals würde die Schlaflosigkeit eines Malers diesen Schrei am offenen Mund aufhalten können. Hier gewinnt die Musik nur für die Unmittelbarkeit der Kommunikation.« Beethovens Cavatina, der tief berührende 5. Satz aus dem Streichquartett op. 130, dient in der Tat nur als Ideal und wird nicht zitiert. Der Schrei ist natürlich dem gemalten von Edvard Munch nachempfunden. Auf den letztlich unerklärbaren Prozess künstlerischer Kreativität spielt Sciarrino mit dem Beginn seiner Einführung an: »Seit einigen Jahren versuche ich zu verstehen, was meine Kompositionen beinhalten.«

Gottfried Franz Kasparek

 

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